"Die Geschichte des Horrorfilms ist eine Geschichte voller Missverständnisse."

SOWAS schaust du dir an? Erks!

Die Lust am Grauen - nur scheinbar paradox

Horrorfilme möchten beim Empfänger Angst und Grauen auslösen. Aber warum tut sich jemand so etwas freiwillig an? Niemand, der sich gänzlicher geistiger Gesundheit erfreut, sieht sich - vielleicht sogar regelmäßig - Horrorfilme an, nur weil diese Filme Angst bei ihm auslösen. Es ist aber folgendermaßen: Gut gemachte (!) Horrorfilme schaffen es, Angst genießbar zu machen.

 

Der Genuss ist abhängig davon, inwieweit - und wodurch - es Drehbuchautor, Darsteller, Kameramann und alle anderen Beteiligten schaffen, in den Gegruselten diese Lust am Gruseln hervorzurufen. Interessant dabei: Die erzählte Geschichte darf nicht zu weit von unserem Alltag entfernt sein, noch darf sie zu nah am täglich Erlebten stattfinden. Die Angst nimmt überhand, wenn man sich zu sehr mit der dargestellten Situation assoziiert. Wenn man sich aber andersrum nicht in die Darsteller reindenken kann, weil sich Geschichte und Handlung so garnicht mit der eigenen Welt decken möchten, wirds langweilig. Du merkst es schon: Ein schmaler Grad - aber genau hier wird’s spannend!

 

 

Dein ist mein ganzes Herz - und meine Niere, meine Leber...

Kurz noch zu der diesem Genre immer wieder vorschnell hinzuassoziierten Sache mit den Gedärmen: Sensationslusttriefende Bilder in Filmen verdammen Horrorfilme (sie heißen dann übrigens Splatter-, Gore bzw. x-Filme) zu wirkungslosen Chirurgendokus. Ihr Realismus lässt die Vorstellungskraft im Keim vertrocknen, sie sind letztendlich trotz Spektakel doch reizlos. Je detaillierter der Film den Menschen und seine blutigen Machenschaften bzw. zerfetzten Innereien ausleuchtet, desto weniger gruselig ist er.

 

Wenn aber der im Film immer wieder angedeutete üble Nachbar von nebenan auch eine Stunde nach Erreichen des Popcorntütenbodens noch nicht die Zeit gefunden hat, sich mal zu zeigen, wird man unzufrieden, weil man nichts sieht. Wieder - Du ahnst es - langweilig. 

 

 

Oh mein Gott, ein Duschkopf!

Andererseits schafft es eine subtil aufgebaute Spannung, eine kurze Duschszene als etwas kaum auszuhaltendes zu präsentieren - was doch eigentlich allmorgendlich ein eher geringes Angstlevel auslöst. Doch eine meisterhaft geplante Angst kann so nachhaltig wirken, dass spätere Szenen als ebenso gruselig empfunden werden, obwohl tatsächlich immer weniger offensichtlicher Grusel gezeigt wird. 

 

 

Märchen über Menschen - die Wahrheit über mich selbst

Bedeutet: Richtig gute Horrorfilme schaffen es, tief schlummernde Ängste aufzugreifen, anzustacheln, und mir über die Leinwand - quasi als Spiegel - vorzuhalten. Es ist angenehmer (und: auch ganz interessant), die eigenen Ängste über den Film aus zweiter Hand zu erleben, anstatt sich ihnen direkt zu stellen.

 

Diese Lust folgt nun nicht - wie Genrekritiker allzu kurzschlüssig annehmen - aus der perversen Befriedigung an dem Leid, das anderen zugefügt wird. Die Vorstellung, dass jeder, der sich regelmäßig Horrorfilme ansieht, früher oder später zur Kettensägen greift und die lieben Nachbarn ummäht, greift einfach zu kurz. Zuschauer identifizieren sich übrigens in der Regel eher mit den Opfern als mit den Tätern.

 

Die Lust am Grauen wird getrieben von einem Schauspiel über die wirkliche Welt und unsere Stellung darin. Horrorfilme sagen uns die Wahrheit über uns selbst, indem sie uns Märchen über Menschen erzählen, die nur im Drehbuch existieren. 


 

...und hinter dem Sofa!

Nachschlag gefällig? Hier ein paar Quellen:

 

Baumann, Hans. D. 1989. „Horror. Die Lust am Grauen“.Weinheim: Beltz.


Cherry, Brigid. 2009. Horror. In: Routledge Film Guidebooks. New York: Taylor & Francis Ltd.

Gaut, Berys. 1993. The Paradox of Horror. In: British Journal of Aesthetics 33, 4.

 

Giles, Dennis. 1984. Conditions of Pleasure in Horror Cinema. In: Planks of Reason. Hrsg. v. Barry K. Grant. Metuchen, New York: The Scarecrow Press.

  

Vonderau, Patrick. 2002. „In the hands of a maniac“ - Der moderne Horrorfilm als kommunikatives Handlungsspiel. In: montage/av: Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation, Jg. 11, Nr. 2.